Podcast Sone & Solche

Die Nische lebt! Die Suche nach der (Geschlechts-)Identität, die passt

2. January 2026
Friederike Brinker

Möglichkeiten geschlechtlicher Zugehörigkeit vervielfältigen sich – es gibt neue Kategorien und immer mehr Personen können für sich selbst entscheiden, mit welcher Kategorie sie sich wohl fühlen, oder ob sie vielleicht ganz ohne Geschlechtsidentität leben möchten.

Über dieses Thema sprechen wir diesen Monat mit:

Tobias Boll ist Juniorprofessor für Körpersoziologie und beschäftigt sich im Teilprojekt „Reflexive Humandifferenzierung. Selbst-Problematisierungen sexueller und geschlechtlicher Zugehörigkeit“ damit, wie Menschen etwa bei Stammtischen oder in Therapien ihre Geschlechtsidentität verhandeln.

Prof. Oliver Scheiding und Dr. Sabina Fazli sind Amerikanist:innen und Zeitschriftenforscher:innen und arbeiten im Projekt „Selbstformierungen kategorialer Begriffsunternehmer in Zine-Medien“. Sie interessieren sich dafür, wie Menschen Zines (selbstgemachte Zeitschriften in sehr kleiner Auflage, die ohne Gewinnabsicht getauscht, verkauft oder auch verschenkt werden) nutzen, um ihre Identitäten oder Interessen zu sprechen.

Wir sprechen unter anderem darüber, wie Medien und Geschlechtskategorien zusammenhängen: Wie beeinflussen Medien, wie Einzelne ihre Geschlechtsidentität definieren, und wie verhandeln wiederum Zinesters die medialen Angebote in ihrer kreativen Arbeit?

Übrigens: Mehr über Sabinas bisherige Forschung erfahrt ihr in Folge 14: „Warum der Playboy im Wirtschaftsregal steht. Wie unterscheiden Zeitschriften Menschen?“

Tobias war bereits zwei Mal zu Gast: In Folge 24: „Live aus der Ausstellung: Menschen Sort[ier]en“ sprechen wir über unsere Ausstellung „Menschen Sort[ier]en“ und in Folge 28: „Tee, Talk & Lieblingsfolgen - Unsere schönsten Podcast-Momente“ plaudern wir über diesen Podcast. Einen Einblick in sein Forschungsgebiet erhaltet ihr auch in Folge 29: „Forschen im Kontext von Behinderung - wie und warum?“ mit Maik Wiesen und Elena Backhausen.

00:00:00-Intro 

00:02:01-Projektvorstellungen 

00:06:50-Wie entwickeln sich Kategorien?  

00:11:55-Wissen ist zentral 

00:15:55-Zines basteln und Bastelidentität 

00:20:35-Entwicklung von Zines 

00:26:40-Individualisierung und Zugehörigkeit 

00:31:55-Generationen und Nichtbinarität 

00:36:25-Stammtische und Problematisierungen

00:43:45-Counterculture  

00:45:15-Sprache und Begriffe 

00:53:55-Sprachlosigkeit und Bilder 

00:56:15-Entstehung der Folgeprojekte

Zum Weiterlesen

Falls ihr mehr zu Zines lesen möchtet, empfehlen wir euch folgendes Buch: Stephen Duncombe: Notes from Underground: Zines and the Politics of Alternative Culture, London and New York: Verso, 1997.

00:17:41 Zum Thema „Bastelidentität“ / „Patchworkbiografie“: Die Soziolog:innen Ronald Hitzler und Anne Honer analysieren mit dem Konzept der Bastelexistenz, wie Individuen in modernen, individualisierten Gesellschaften ihre Lebensführung aktiv und kreativ aus verschiedenen, oft heterogenen Elementen zusammenfügen. Dieses Modell betont die Notwendigkeit, in einer von Pluralität und Unsicherheit geprägten Welt handlungsfähig zu bleiben, indem Identität und Alltagspraxis flexibel und situativ gestaltet werden. https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/5602# 

00:30:48 Einige Statistiken zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt nach Generation: STATISTA: Wer sich in Deutschland als LGBTQA+ identifiziert / ipsos: Je jünger, desto queerer: Gen Z weitaus häufiger LGBTQ+ als ältere Generationen 

00:42:00 Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit beschreibt ein gesellschaftlich dominantes Männlichkeitsideal, das durch Attribute wie Stärke, Heterosexualität und wirtschaftliche Dominanz geprägt ist. Dieses Ideal sichert nicht nur die Vorherrschaft bestimmter Männer, sondern unterdrückt zugleich abweichende Männlichkeiten sowie Frauen und nicht-binäre Personen. Connell betont, dass hegemoniale Männlichkeit kein statisches Modell ist, sondern durch soziale Praktiken und Institutionen ständig neu hergestellt wird. Das Konzept gilt als zentral für die Analyse von Geschlechterverhältnissen in modernen Gesellschaften. http://www.raewynconnell.net/p/masculinities_20.html

Ab 00:48:00 Feministische Sprachkritik und Pronomen: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/innen-innen-und-innen-feministische-sprachkritik

00:57:00 Von Identarisierung ist die Rede, „wenn Menschen sich in besonderen Lebenslagen veranlasst sehen, ihrem biografisch changierenden Selbstverstehen eine spezifische Form zu geben“ (Hirschauer, „Wozu Identität“, 2023, 3; https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2022/de/article/view/1679)

Hirschauer beschreibt Identarisierung als “Effekt eskalierender Humandifferenzierung“, 2023, 4), d.h. Selbstverständnisse und soziale Zugehörigkeiten werden als Teil der eigenen Identität konstruiert und politisiert (z.B. durch Diskriminierung, Stigmatisierung). Identarisierung verwandelt persönliche Merkmale in politisch relevante Kategorien, oft im Kontext von Identitätspolitiken zur Anerkennung von Gruppen. Als alternative Medien sind Zines Dokumente für identarisierende Selbstbeschreibungen und artikulieren „Identitäten“ häufig als Teil aktivistischer Strategien: https://jubri.jugendkulturen.de/files/jub/pdf/Bibliografie%20Zines.pdf

 

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Host: Friederike Brinker (Sonderforschungsbereich 1482 Humandifferenzierung)

Producer: Christian Albrecht (Zentrum für audiovisuelle Produktion)

Wissenschaftliche Hilfskraft: Tamara Vitzthum (Sonderforschungsbereich 1482 Humandifferenzierung)

Der SFB 1482 Humandifferenzierung ist an der Johannes Gutenberg-Universität und dem Institut für Europäische Geschichte in Mainz angesiedelt.

Der SFB 1482 wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Für Feedback, Fragen und Vorschläge schreibt mir gern eine Mail: sfb1482.kommunikation@uni-mainz.de

Fotos: Stephanie Füssenich