Von Kapital/Arbeit zu Privileg/Diskriminierung – Leitunterscheidungen sozialer Ungleichheit im Wandel
Marlene Müller-Brandeck
Mit dem Aufkommen der Identitätspolitik hat sich auch die Konstruktion sozialer Ungleichheit verändert. Während die Arbeiterbewegung ihre Befreiung noch ausschließlich in der Überwindung des Kapitalismus sah, multiplizieren sich heute die Dimensionen von Ungleichheit. Damit gewinnt die Konstruktion von Ungleichheit in Identitätspolitik enorm an Komplexität. Individuen lassen sich nicht mehr eindeutig einer sozialen Klasse zuordnen, sondern ihre Erfahrungen von Diskriminierung und Privileg verschränken sich miteinander. Damit verlieren kollektive Identitäten an Bedeutung, denn Identität erscheint als ein Mosaik aus sich je individuell überlagernden Privilegien und Diskriminierungserfahrungen.
Marlene Müller-Brandeck ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind soziologische Theorie, Identitätspolitik und historische Soziologie. Ihre Studie „Die Sakralisierung der Identität“ ist eine Analyse der Ungleichheitskonstruktion der Identitätspolitik.