Projektvorstellung
Wie finanziert man Theater? Diversität im Wettbewerb um Kulturförderung
Wer bekommt Förderung und wie werden Entscheidungen getroffen?
Stefanie Husel leitet das Teilprojekt „Theater im Wettbewerb. Diversität als Kriterium der Kulturförderung“. Gemeinsam mit Sophie Blomen untersucht sie, wie in der aktuellen Kulturförderung im Theaterkontext Differenzierungen auftreten. Sie interessieren sich dafür, wie die Auswahl ‚förderungswürdiger‘ Theatermacher:innen abläuft, besonders, wenn sich um Diversität und Inklusion bemüht wird. Dazu beobachten sie anhand von Theaterwettbewerben sowohl auf EU-Förderebene als auch in Bezug auf staatliche Förderungen in Deutschland, welche Sprache in Förderausschreibungen und Anträgen benutzt wird und wie die Expert:innen aus der Szene mit der Förderpraxis umgehen.
Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Stefanie, du untersuchst das Antragswesen von Theaterprojekten. Was genau schaut ihr euch denn da an?
Unser Forschungsthema ist die Kulturförderung bzw. im engeren Sinne die Förderung von Theaterprojekten, sowohl auf der Seite der Fördergeldgebenden als auch auf der Seite der Antragstellenden. Es geht dabei um eine Antragspraxis, bei der eine ganze Menge an Humandifferenzierungen aufeinander treffen. Auf der einen Seite hat man die absolute Notwendigkeit, Fördergelder heranzuschaffen, wenn man im Theater „überleben“ will. Das heißt: Wenn du als Theaterkünstler:in in der etablierten ebenso wie der freien Theaterszene Fuß fassen willst, dann musst du dich irgendwie verkaufen können und musst dich um Fördergelder bewerben — ähnlich, wie man sich als Wissenschaftler:in auch um Drittmittel bemühen muss. Das liegt einfach daran, dass Theater sich für gewöhnlich nicht selbst finanziell tragen können.
In Deutschland haben wir ein weltweit einzigartiges, komplexes und auch mit sehr gutem Geld ausgestattetes Fördersystem für Kultur und insbesondere für Theater. Es ist hier also absolut üblich, dass Theaterprojekte gefördert werden. Entsprechend gibt es von Entscheider:innen und Theatermacher:innen Legitimationserzählungen und Ideen, warum man bestimmte Theaterformen fördern sollte und vielleicht andere nicht, z.B. Werden dann ästhetische Neuerungen oder künstlerische Exzellenz betont. Und da spielt in den letzten Jahren zunehmend auch der Wunsch nach einer Repräsentation von Diversität auf der Bühne eine Rolle. Wir finden in Ausschreibungen für Theaterförderung immer wieder den Anspruch, dass eine besonders diverse Theaterszene, diverse Theaterkünstler:innen und Projekte gefördert werden sollen, die ein diverses Publikum ansprechen. Du merkst es in der dauernden Wiederholung: dieser Begriff des Diversen ist dabei oft überhaupt nicht wirklich gefüllt.
Und hierbei finden wir besonders interessant, dass so ein Förderantrag durch verschiedenste Hände durchprozessiert wird. Ein Projekt, das ich schon intensiv begleitet habe, ist zum Beispiel das Future Laboratory, ein Zusammenschluss von insgesamt 12 Theatern aus verschiedenen europäischen Ländern, die gemeinsam Fördergeld von der EU eingeworben und dieses Fördergeld dann genutzt haben, um ihrerseits Nachwuchskünstler:innen zu fördern. In dem Prozess konnte ich sehen, wie bei diesem Durchprozessieren von Fördergeld von einer Hand in die nächste so eine Art Schärfung der Begrifflichkeit stattgefunden hat. Die EU hatte sich einfach nur gewünscht, dass „Inclusion, Diversity und Gender Equality“ bei der Vergabe von Fördermitteln in irgendeiner Art und Weise berücksichtigt werden sollte. Die Theater, die dann dieses Geld eingeworben haben, die haben das dann auch wiederum von den Künstler:innen, die sie eingeladen haben, verlangt, haben es aber dabei aber ein bisschen übersetzt, und teilweise auch zugespitzt. So sollten die Nachwuchskünstler:innen, die eine Projektidee formulierten, sich überlegen, wie man soziale Inklusion und Diversität ihrem eigenen Erfahrungshintergrund entsprechend verarbeiten kann – aus einem „irgendwie berücksichtigen“ von Diversität wurde diese also im Verlauf der Förderkaskade zu einem Teil der Künstler:innen-Biographien. Man sieht: Da passiert einfach so viel, was für diesen Sonderforschungsbereich super interessant ist: verschiedene Differenzierungsformen werden ineinander umgesetzt (oder umgemünzt).
Wie dann nach den Antragstellungen jedoch die Juryentscheidungen getroffen werden, wer am meisten geeignet ist oder dem Call entsprechend die besten Audiences hat — da sind bisher die Türen schnell zu. Es ist jetzt eine der Aufgaben von mir und Sophie Blomen, diese Türen zu öffnen und herauszufinden, wie genau Entscheidungen gefällt werden.
Wieso ist es euch wichtig, gerade zu diesem Thema zu forschen?
Mir ist es einerseits als eifrige Theater- und Festivalgänger:in wichtig, denn dort ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, dass in der freien Theaterszene Kulturförderung zunehmend explizit thematisiert wird. Ich habe z.B. vor ein paar Jahren ein Stück gesehen, in dem sich eine Gruppe von Darsteller:innen als Waldarbeiter angezogen hat und ihren Förderantrag gesungen hat. Sie haben thematisiert, wie Theatermacher:innen ihre Anträge mit Versprechungen ausschmücken und sich natürlich auch darüber lustig gemacht, aber diese Adressierung von dieser Abhängigkeit von Kulturförderung auf der Bühne findet man immer häufiger. Da gibt es eine sehr offene Reflexion und in Teilen auch heiß diskutierte Debatten. Andererseits ist in der deutschen Theaterszene auffällig, dass diese Debatten auch mit politischen Entscheidungen verschränkt werden, weil es eben eine politische Entscheidung ist, welches Theater wie viel Kohle bekommt!
Worauf freust du dich am meisten bei deiner Forschung?
Ich freue mich total darauf, einen weiteren praktischen Zusammenhang in Bezug auf Förderungsprinzipien zu erschließen: nicht nur in Bezug auf Anträge, sondern auch auf Entscheidungsfindungen. Juryentscheidungen sind etwas ganz Empfindliches, Jurymitglieder möchten sich vielleicht nicht gern in die Karten gucken lassen. Aber genau das wollen wir tun.
Wenn wir uns jetzt beispielsweise das Berliner Theatertreffen anschauen oder den Heidelberger Stückemarkt, gibt es da die verschiedensten Fördervorgaben. Je nach Kontext möchte man möglichst schnell möglichst viele Sachen zeigen, möglichst vielen Künstler:innen eine Bühne bieten, am Ende vielleicht noch Preise verleihen, usw. Um diese verschiedenen Kontexte in den Blick zu nehmen, braucht es eine Form von Zugang. Und da freue ich mich beispielsweise auf die Zusammenarbeit mit meiner Doktorandin Sophie Blomen, die auch selbst in der Theaterpraxis tätig ist, sie hat Expertise in der Theaterszene – im „Feld“ hat selbst schon zahlreiche Förderanträge geschrieben. Zu zweit kann ich mir gut vorstellen können wir Jurymitglieder kennenlernen und ihre Binnensicht verstehen.
Welche Erwartungen hast du an das Projekt?
Inhaltlich hoffe ich erstmal auf viele neue Einblicke: In meiner Begleitung des EU Projekts und in unseren Sondierungsgesprächen fanden einige Gesprächspartner:innen es tatsächlich ziemlich gut, dass ihnen in die Karten geguckt wurde. Die Macher:innen des EU Projekts z.B. fanden es super, dass etwas bleibt von ihren Anstrengungen. Und viele der Personen, die Juryentscheidungen tragen und Gelder vergeben, wünschen sich offenbar mehr Transparenz und ein Heraustreten aus ihren ‚Hinterzimmern‘— sie möchten gerne hinterfragen: Was für Entscheidungen wollen wir eigentlich treffen? Deshalb glaube ich, dass es auch für das praktische Feld wichtig ist, dass so eine Forschung passiert, und das freut mich.
In Bezug auf die Erforschung von Humandifferenzierung bringt unser Projekt denke ich eine ganze Reihe interessanter Einblicke mit sich: Wie werden „Humankategorien“ (wie z.B. Ethnizität oder Gender) im Umfeld des Theaters durch verschiedene institutionelle und organisationale Ebenen hindurchprozessiert? Was passiert auf diesem Weg mit ihnen? Und schließlich: wie werden auf den ersten Blick zueinander nicht so furchtbar kompatible Humandifferenzierungen (wie beispielsweise Ethnizität und Leistung) dabei ineinander übersetzt und umgemünzt?
Interview: Friederike Brinker, Tamara Vitzthum